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Pünktlich an Heilig Abend kehrte nach fast zehnstündigem Flug und einer Temperaturdifferenz von über 35 Grad eine Abordnung musikalischer Botschafter aus Namibia zurück. Jugendliche aus Berlin, Karlsruhe, Metzingen, sowie neun Schlater Musikvereins-Musiker nahmen dort an einem internationalen Jugendaustausch im Bereich Musik teil, welcher vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) über das Goethe-Institut finanziell gefördert wurde. Die Swakopmunder Musikwoche bot hierbei den perfekten Nährboden für fruchtbare Kontakte mit Musikern vor allem aus Namibia und Südafrika.
Die von allen Teilnehmern auf Deutsch bezeichnete Musikwoche ist eine Begegnung der ganz besonderen Art und fand bereits zum 46. Mal statt. Es ist vor allem den routinierten Organisatoren und den 30 namhaften Dozenten, u. a. aus Südafrika, Deutschland und den USA zu verdanken, dass hier südlich des Äquators fast 250 Musikerinnen und Musiker auf höchstem Niveau in nur zehn Tagen Unglaubliches auf die Beine stellen konnten. Unter der professionellen Leitung der Dirigenten Alexander Fokkens aus Kapstadt und Hans-Jochen Stiefel aus Karlsruhe wurden als Höhepunkt einer intensiven und spaßigen Probenwoche in zwei ausverkauften Abschlusskonzerten unter anderem Auszüge aus Orffs Carmina Burana mit großem Sinfonieorchester und Chor oder Teile der Ungarischen Tänze von Johannes Brahms aufgeführt. Ebenso begeisterte die ins Leben gerufene Big Band unter US-Saxophonist Steven Meier bei „Fly me to the moon“, „Watermelon Man“ und weiteren Jazz Standards durch groovige Rhythmen und bestechende Spielfreude.
Dass sich an diesem einmaligen Spektakel auch Musiker des Musikvereins Schlat beteiligen konnten, ist in erster Linie Henry Großmann aus Süßen zu verdanken. Dieser leitet seit 1996 die Musikschule in Metzingen und unterrichtet noch länger das Instrument Trompete im Schlater Verein. Schon 1997 fing alles mit einer Einladung des damaligen namibischen Landesbischofs Keding an, erinnert sich Großmann gerne, erst später entdeckte man die Musikwoche für sich, wo er bereits ebenfalls als Dozent tätig war.
Inzwischen reist der 58-Jährige drei bis vier Mal im Jahr in das ehemalige Deutsch-Südwestafrika, ist als Chefdirigent im National Symphony Orchestra in Windhoek tätig und momentan sogar offiziell damit beauftragt, die erst 1991 zum ersten Jahrestag der Unabhängigkeit in einem Wettbewerb komponierte namibische Nationalhymne für großes Sinfonieorchester zu arrangieren.
Für die überwiegend schwäbische Reisegruppe gab es in der am Atlantik, an der Mündung des Swakop gelegenen Hafenstadt während der Musikwoche natürlich auch viele weitere interkulturelle Höhepunkte zu erleben. Nach getaner musikalischer Arbeit mit belegten Broten und einer Flasche Wein ausgerüstet die Dünen der Namib, der ältesten Wüste der Welt, zu erklimmen und von dort den Sonnenuntergang über dem angrenzenden Ozean zu bestaunen, hat etwas für sich, das sich allerhöchstens mit dem Blick vom Wasserberg bei sternenklarer Nacht vergleichen lässt. Sich dabei die Lebensgeschichten der teils noch entfernt deutschstämmigen Farbigen anzuhören, die mühsam versuchen in ihrer Heimat Musikschulen zu errichten und altdeutsche Namen wie Friedemann und Engelhardt tragen, oder mit jenem jungen Deutsch-Namibier auf dem 2.000 Kilometer langen Wüstenstreifen zu sitzen, der mangels Möglichkeiten zum Studium nach Deutschland zog, gewährt tiefe Einblicke in die namibische Seele.
Tiefe Eindrücke hinterließ neben dem Swakopmunder Weihnachtsmarkt, auf dem es gleich neben dem Glühweinstand frisch zubereitete Suppe aus gekochten Schafsköpfen gab, auch die anschließende Rundreise durch die nördliche Hälfte des Landes.
Inmitten des Nichts kündigte nach vielen Stunden Fahrt plötzlich eine schlichte Holztafel an, dass man sich nun auf dem Gelände der Otjikondo Schuldorf-Stiftung befinde, ein Internat für ca. 250 Jungen und Mädchen, das sich zu einem Großteil durch Spenden aufrechterhält. Den Schülern soll hier keinesfalls nur Mathematik beigebracht werden, vielmehr werden in eindrucksvoller Weise Werte vermittelt und den oft aus völlig unterschiedlichen Stämmen und Kulturen stammenden Kindern Perspektiven aufgezeigt, die es ihnen anschließend ermöglicht, höhere Schulen zum Beispiel in der Hauptstadt Windhoek zu besuchen. Die erst vor zwei Jahren hier angegliederte Musikschule wurde unter anderem von Henry Großmann mit Unterstützung der DNEG (Deutsch-Namibischen Entwicklungsgesellschaft) aufgebaut, der auch sogleich einige Gebrauchtinstrumente von deutschen Spendern wiedererkannte. Als Anerkennung, dass man in den während der Ferienzeit leer stehenden Schlafsälen der Schüler nächtigen durfte, gab man ein spontanes Weihnachtskonzert bei 35 Grad in der Schulkirche, übergab eine gespendete Querflöte und machte sich danach auf, im Etosha Nationalpark wild lebende Elefanten, Löwen und Giraffen zu sehen. Erstere hatten es jedoch auf Grund der einsetzenden Regenzeit nicht nötig, für die Fotografen eine der wenigen Wasserstellen im Park aufzusuchen, der in etwa so groß ist wie das Bundesland Hessen. Sehr erfreut ob des Regens zeigte sich, wen wundert’s, so manch Namibier und vor allem die Natur, welche die ansonsten eher ockerfarbene Steppe rund um die eigentliche Etosha-Pfanne in kräftigem Grün erstrahlen ließ. Von dem Flächenbrand auf über 400.000 Hektar Land, dem erst noch im September unter anderem 30 selten gewordene Nashörner, elf Elefanten und 60 Giraffen zum Opfer fielen, ist dank des Grüns nur noch vereinzelt etwas zu sehen. Im Camp Halali, einem von drei erschlossenen Lagerplätzen bezog man Nachtquartier und bahnte sich am nächsten Tag den Weg aus dem Nationalpark, insofern es in Selbstmordmanier über den Weg rennende Perlhühner oder Springböcke zuließen.
Schließlich in Tsumeb, einer Minenstadt östlich des Tierparks, angekommen, sollte man wieder auf bekannte Gesichter der Musikwoche treffen. Jugendliche des Arts Performance Centers, APC wurden in der durch die Schweizerin Liz Hidber gegründeten künstlerischen Bildungsstätte besucht. Bis heute finden weit über 100 junge Menschen aus vorwiegend armen und ärmsten Kreisen hier Zuflucht. Sie lernen einerseits das Spielen diverser Musikinstrumente, andererseits aber auch die elementarsten Dinge für das tägliche Leben, damit sie eine Existenzgrundlage für die Zukunft haben. Das APC gilt in Namibia als mustergültiges Entwicklungsprojekt, welches mittlerweile von der Regierung offiziell anerkannt und unterstützt wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dort, wo Jugendliche zusammen musizieren, die Stammeskämpfe, Alkoholmissbrauch und dessen Folgen verschwinden. Ihr Gefühl, endlich jemand zu sein, und ihre Sensibilität werden stark, und die künstlerische Kreativität scheint keine Grenzen mehr zu kennen. Wer auf der Musikwoche eben noch Trompete spielte, brillierte beim Besuch der deutschen Delegation wie selbstverständlich auch noch auf der Violine, dem Cello und dem Marimbaphon. Eine Ehrensache, dass man hier spontan ein deutsch-namibisches Marimba-Blechbläser-Ensemble formierte und ein kleines Open-Air Konzert veranstaltete. Nach so vielen Eindrücken sollte nun zu guter Letzt noch ein weiterer Nationalpark als krönender Abschluss dienen. Das aus rotem Sandstein bestehende Waterberg-Plateau östlich von Otjiwarongo erhebt sich als Tafelberg-Massiv rund 200 Meter aus der umgebenden Ebene. In den Wäldern an seinem Fuße leben Dik-Diks, Mungos oder Paviane, und wer allzu nachlässig ist, dem durchwühlen die neugierigen Gefährten schon einmal ganz gerne die Reisetasche oder den Kühlschrank im Bungalow.
Dem letzten Sonnenaufgang, den es in Namibia zu erleben galt, wollte die zusammengewürfelte Reisegruppe auf ihre ganz eigene Art und Weise huldigen, und so machte man sich noch bei Nacht mitsamt Instrumenten und Stirnlampen auf den Weg, die Hochfläche des Waterbergs zu erklimmen. Oben angekommen wurde die über der endlosen Weite aufgehende afrikanische Sonne auch sofort durch das Schlater Blechbläserensemble gebührend mit einigen Chorälen und Fanfaren begrüßt. Nach dieser gelungenen, musikalischen Namibiareise und der Rückkehr rechtzeitig zu Heilig Abend bleibt vielen sicherlich noch der Trost, dass ein feierlich geschmückter Weihnachtsbaum bei nasskalten Temperaturen in der Göppinger Innenstadt immer noch mehr hermacht als ein Weihnachtsmarkt bei Hitze unter Palmen! |